Harpie

Aufschwung zur Menschwerdung

Harpyen, Engel und Dämonen — bildnerische Personifizierungen und Metamorphosen des modernen Menschen

Gefallene, gestürzte Engel, die beschützt sein wollen, Boten und Geisteswesen in nächster Umgebung Gottes, teils menschen – , teils vogelköpfige Flügelgenien. Engel als ungeflügelte, männliche Gestalten, auf dem nächsten Blick geschlechtslose Wesen mit Flügeln wie in den ersten christlichen Jahrhunderten.

Der Engel, manieriert- expressiver Hinweise auf die Wandlung der Seele, ein „Geschöpf, in dem die Verwandlung des Sichtbaren in Unsichtbares, die wir leisten, schon vollzogen erscheint“

Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien

Ihre Freude am Anderen, Schönen, Poetischen, an den Engeln und Dämonen, am Verweben und Klang der Zeiten, an Stilblüten und rätselhaften Geschichten enthüllt eine träumerische, doch zähe Kämpferin. Im Sinne eines schrillen Neomystizismus gebiert sie ihre romantischen und verwegenen Schöpfungen.

Bei der Darstellung des dem Menschen innewohnenden Dämons, einer bestimmten Personifizierung der menschlicher Seelenkräfte, überwiegt bei ihren Werken wie auch beim römischen „genius“ die Vorstellung vom guten Geist, den positiven Kräften im Menschen.

Es ist die Hingabe der Muse an ihre Schöpfungen, der Glaube an ihre Kraft und enthüllenden Eigenschaften, die Zärtlichkeit für das Grauenvoll-Schöne das keiner Form der Böswilligkeit zu huldigen scheint, auf die Abgründe, die den Höhen des Himmels gleichgesetzt werden.

„Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang….und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht uns zu zerstören“

Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien, 1922

Die geformten Wesen und Skulpturen ringen mit sich, sie kämpfen entkräfted mit stummer Gewalt, wie in einem Kokon. Ohne miteinander zu kommunizieren, knüpfen sie leise Bande, die auf ihren Zusammenhalt und ihre Blutsverwandtschaft schließen lassen. Sie entwickeln sich eines aus dem anderen heraus. Alterslos, heroisch und weltabgewandt durchdringt sie ein inneres Glühen und angedeutete sexuelle Energie, die im Gegensatz zu den erstarrten Körpern steht. Die ungeliebten Ungeheuer beugen sich nicht ganz ohne Widerstand ihrer ausweglosen Existenz. Ihre Nähe zum Tod und ständige Wiedergeburt macht sie weich und verletzlich, bevor sie gefühllos erstarren und aus Lust Leere wird.

Barbara Baum